eCall für Motorräder: Automatische Unfallmeldung –
Systeme, Pflicht und Zukunft
Jedes Jahr verunglücken tausende Motorradfahrerinnen und -fahrer allein auf abgelegenen Strecken – oft ohne dass Hilfe rechtzeitig eintrifft. Automatische Unfallmeldungssysteme, kurz eCall (Emergency Call), können in solchen Momenten Leben retten. Während PKW seit April 2018 in der EU verpflichtend mit eCall ausgestattet sein müssen, fehlt eine gesetzliche Pflicht für Motorräder bis heute. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über den Stand der Technik, die rechtliche Lage, Verbandsforderungen und zeigt, wie unterschiedliche Systeme – darunter RideLink – im Vergleich abschneiden.
1. Hintergrund & gesetzliche Anforderungen
1.1 eCall-Pflicht für PKW: EU-Verordnung 2015/758
Seit dem 31. März 2018 ist eCall für alle neu typgenehmigten PKW und leichten Nutzfahrzeuge in der EU verpflichtend – geregelt durch die EU-Verordnung 2015/758. Das System überträgt bei einem schweren Unfall automatisch einen Minimalen Datensatz (MDS / Minimum Set of Data) an die europaweite Notrufnummer 112: Fahrzeugtyp, Kraftstoffart, Unfallzeitpunkt, GPS-Position und Fahrtrichtung. Zugleich wird automatisch eine Sprachverbindung zur Rettungsleitstelle aufgebaut.
Die Norm EN 15722 definiert den technischen Mindestdatensatz. Für den Pkw hat sich das System in der Praxis bewährt: Studien zeigen, dass eCall die Reaktionszeiten der Rettungskette auf Landstraßen um bis zu 50 % verkürzen kann.
1.2 Motorräder: Keine Pflicht – trotz höherem Unfallrisiko
Die EU-Fahrzeugtypgenehmigungsverordnung 168/2013 für Fahrzeuge der Klasse L (Zweiräder) enthält keine eCall-Anforderungen. Standardisierungsarbeiten auf UNECE- und EU-Ebene laufen, sind aber noch nicht in verbindliches Recht umgesetzt worden.
2. Forderungen der Verbände
2.1 ADAC: eCall-Pflicht auch für Motorräder
Der ADAC fordert seit 2021 ausdrücklich die verpflichtende Ausstattung aller neuen Motorräder mit eCall – nicht nur für neue Typgenehmigungen, sondern grundsätzlich aller Neufahrzeuge. Nach einem umfangreichen Systemtest formulierte der Club konkrete Mindestanforderungen:
- Automatischer Notruf mit Minimalem Datensatz (MDS) direkt an 112
- Manueller Notruf über einen Schalter am Lenker (kein Smartphone nötig)
- Fahrzeugbasierte Sensorik für präzise Unfallerkennung
- Sprachverbindung über externen Lautsprecher und Mikrofon am Fahrzeug
- Optional: Kommunikation über Helm-Headset per Bluetooth
- Kein dauerhaftes Standort-Tracking (Datenschutz)
„Motorradhersteller sollten eCall-Systeme optional oder serienmäßig anbieten, die den standardisierten Minimal-Datensatz an den Euronotruf absetzen. Die Unfallmeldung sollte Vorrang vor einer Pannenmeldung haben."
— ADAC Technikzentrum, Empfehlung an die Hersteller (2024)2.2 DVR: Standardisierung mit Hochdruck vorantreiben
Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat in seinem Beschluss vom 22. April 2024 zu Technischen Maßnahmen zur Erhöhung der Motorradsicherheit gefordert, die Standardisierung für eCall am Motorrad seitens des Gesetzgebers mit Hochdruck voranzutreiben, um eine zukünftige Regulierung zu ermöglichen. Der DVR appelliert an das BMDV, sich auf EU- und UNECE-Ebene stärker für die Sicherheit von Motorradfahrenden einzusetzen.
3. Unterschiedliche Systeme im Überblick
Auf dem Markt existieren drei Kategorien von Unfallmeldungssystemen für Motorräder: fahrzeugintegrierte Werksysteme, nachrüstbare fahrzeuggebundene Module und Smartphone-basierte Lösungen.
- Fahrzeugsensorik (ABS etc.)
- Lenker-Taster (manuell)
- Lautsprecher + Mikrofon
- Meldet an eigenes Callcenter, nicht direkt 112
- Nur für BMW-Modelle
- Für jedes Motorrad nachrüstbar
- KI-Analyse zur Fehlalarmreduktion
- CAN-Bus-Anbindung möglich
- Livetracking, Diebstahlschutz
- Kein direkter 112-Anruf
- Kein Lenker-Taster
- Kleines Formfaktor
- Schlüsselanhänger-Aktivierung
- Kontinuierliches Cloud-Tracking
- Schlüssel muss dabei sein
- Keine Hardware nötig
- In Calimoto-App integriert
- Nur Smartphone-Sensorik
- Höhere Fehlalarmquote
4. Abgrenzung der Systeme
| Kriterium | BMW ECALL | RideLink Wingman | Rideet One | Bosch Help Connect |
|---|---|---|---|---|
| Direkt an 112 | ✗ Callcenter | ✗ IMA | ✗ Callcenter | ~ Kontakte |
| Fahrzeugsensorik | ✓ ABS etc. | ✓ Modul + CAN | ~ Eigenes Modul | ✗ Smartphone |
| Filterung | ~ Algorithmus | ✓ Backend | ✗ | ~ |
| Lenker-Taster | ✓ | ✗ | ✗ | ✗ |
| Für jedes Motorrad | ✗ Nur BMW | ✓ | ✓ | ✓ |
| Datenschutz | ✓ Kein Tracking | ✓ Opt-in | ~ Cloud-Tracking | ~ |
5. RideLink im Detail: Europaweiter eCall für alle Motorräder
RideLink hat sich zum Ziel gesetzt, eCall-Funktionalität nachrüstbar für nahezu jedes Motorrad zugänglich zu machen – unabhängig von Baujahr, Marke oder Modell. Das Wingman-Modul benötigt lediglich eine 12-V-Versorgung und kann optional an den CAN-Bus angeschlossen werden.
Das Herzstück ist ein mehrstufiger Analyseprozess:
6. CMC: Initiativen und Standardisierung
Das Connected Motorcycle Consortium (CMC) ist ein 2016 gegründetes, herstellerübergreifendes Konsortium, das die Vernetzung von Krafträdern (Powered Two Wheelers) im Rahmen von Cooperative Intelligent Transport Systems (C-ITS) voranbringt. Gründungsmitglieder sind BMW Motorrad, Honda und Yamaha; weitere Hersteller wie Ducati und Suzuki sowie Forschungsinstitute und Verbände (ACEM, FIM) sind assoziierte Mitglieder.
- 2016: Gründung des CMC
- 2020: Veröffentlichung der ersten Basic Specification für Motorrad-ITS
- September 2023: Live-Demo-Event am Lausitzring (C-ITS und ADAS für Motorräder)
- Mai 2025: ACEM publiziert „The Safe Ride into the Future 3.0" – Kapitel zu vernetzter Mobilität
Die CMC Basic Specification bildet auch die technische Grundlage für zukünftige standardisierte Post-Crash-Kommunikation am Motorrad – also eCall als Teil eines umfassenden C-ITS-Ökosystems für Zweiräder.
7. Ausblick
Regulatorischer Druck wächst
Die politische Forderung nach einer gesetzlichen eCall-Pflicht für Motorräder gewinnt an Dynamik. ADAC und DVR fordern explizit die Beschleunigung der Standardisierungsarbeit auf UNECE- und EU-Ebene. Eine Anpassung der Verordnung 168/2013 gilt in Fachkreisen als wahrscheinlich.
CMC-Roadmap: C-ITS und Post-Crash-Systeme
Das CMC arbeitet kontinuierlich an der Erweiterung seiner Basic Specification. Mittelfristig sollen Motorräder vollständig in vernetzte Verkehrsinfrastruktur eingebunden werden – inklusive standardisierter Post-Crash-Meldungen und Vehicle-to-X-Kommunikation (V2X).
KI und Vernetzung als Gamechanger
Zukünftige Systeme könnten nicht nur den Unfall melden, sondern Unfallhergang, Sturzdynamik und Verletzungswahrscheinlichkeit schätzen, um die Rettungskette noch gezielter zu aktivieren. Die Einbindung in V2X könnte ermöglichen, dass andere Fahrzeuge in der Nähe gewarnt werden – ein weiterer Schritt hin zu Vision Zero.
FAQ: Häufige Fragen zu eCall für Motorräder
Ist eCall für Motorräder in der EU Pflicht?
Nein. eCall ist seit 2018 für neue PKW-Typgenehmigungen verpflichtend (EU-Verordnung 2015/758), nicht jedoch für Motorräder. ADAC und DVR fordern eine gesetzliche Pflicht.
Welche eCall-Systeme gibt es für Motorräder?
Zu den bekanntesten Systemen zählen BMW ECALL (ab Werk), RideLink Wingman (Nachrüstsystem mit KI-Analyse), Rideet One und Bosch Help Connect (Smartphone-basiert).
Wie funktioniert eCall bei RideLink?
Das Wingman-Modul erkennt einen Incident, überträgt 30 Sekunden vor und nach dem Ereignis ans Backend, eine KI entscheidet ob tatsächlich ein Unfall vorliegt, danach erfolgt Weiterleitung ans Callcenter (IMA Deutschland) und ein Rückruf beim Fahrer.
Was ist das Connected Motorcycle Consortium (CMC)?
Das CMC ist ein 2016 von BMW, Honda und Yamaha gegründetes Konsortium, das C-ITS-Standards für Motorräder entwickelt und 2020 die erste Basic Specification veröffentlicht hat.
Meldet RideLink direkt an die 112?
Nein – RideLink meldet über den privaten Servicedienstleister, der dann die Rettungskette aktiviert. Die Direktmeldung an 112 ist eine der Forderungen des ADAC an alle Hersteller, die bislang von keinem Nachrüstsystem erfüllt wird.